Bio, biodynamisch, Naturwein – Bedeutung und Definition

Graphic by Michael Sinne

Wer meinen Blog ein wenig verfolgt, kennt meine Vorliebe für Bio-Winzer. Auch für solche, die nicht als solche zertifiziert sind. Ich bin jedoch immer wieder aufs Neue überrascht und verwirrt von der Klassifizierung und/oder Zertifizierung von Bio- und Naturweinen in Italien. Unlängst „stolperte“ ich über einen fantastischen Beitrag von Eleanor Shannon, langjährige Bloggerin und Kennerin der Weine und des Weinbaus in Italien. Mit Einverständnis der Autorin habe ich ihren Artikel ins Deutsche gebracht. Wer den Originalbeitrag lesen mag, findet ihn hier.

 

Es geistern eine Menge Begriffe umher in der Weinwelt, wie z.B. Biowein, biodynamisch und Naturwein, aber diese Begriffe können verwirrend sein. Wenn Sie sich schon einmal etwas mit der doch recht komplexen Wein-Terminologie auseinandergesetzt haben, könnten noch mehr technische Begriffe vielleicht zuviel für Sie sein.

Alle diese Begriffe meinen die Nutzung natürlicher Prozesse im Weinberg sowie weniger Eingriffe in der Weinherstellung als eigentlich erlaubt wären nach den Standards konventioneller, „industriell“ hergestellter Weine. Eines der Hauptprobleme bei konventioneller Landwirtschaft ist, dass Kunstdünger, Herbizide, Insektizide und Fungizide die Mikroorganismen im Boden töten.

Der Einfachheit halber kann man sich eine Skala von Biowein bis Naturwein denken, wobei biodynamisch dort etwa in der Mitte angesiedelt wäre. Einige Weine sind allerdings sogar Bio, Biodynamisch und Naturwein, und zwar alles gleichzeitig.

Die folgende Grafik von Vins Sains aus Frankreich zeigt die verschiedenen Grenzwerte der einzelnen Weintypen hinsichtlich der Zugabe von Sulfiten.

Für die erste Flasche, den konventionellen Wein, sind mehr als 60 verschiedene Prozesse und Zusatzstoffe erlaubt, insbesondere die Zugabe von 150mg/Liter Sulfite im Rotwein, sowie 200mg/Liter im Weißwein. Diese Art von Wein ist eigentlich relativ jung in der über 5000 Jahre währenden Geschichte des Weins. Diese Produktionsweise kam stark in den 1960ern auf, zusammen mit der allgemeinen Industrialisierung in der Landwirtschaft. Etwas später kam vermehrt der Einsatz von Zusatzstoffen (siehe Liste der in der EU erlaubten Zusatzstoffe) auf, um fehlerfreie Weine herstellen zu können und noch später um gezielt Weine für Weinratings produzieren zu können.

Bio-Wein

Die Bio-Wein Klassifizierung bedeutet, dass die Trauben nach Bio-Standards produziert wurden. Hierbei immer noch erlaubt ist der Einsatz von Kupfer-Sulfat-Lösungen, um Pilzbefall vorzubeugen. Im Keller, bei der eigentlichen Weinherstellung sind jedoch immer noch zahlreiche Zusatzstoffe und Prozesse erlaubt, so z.B. Erhitzung, künstliche Hefen zur Fermentation, Zugabe von Gummi, Säuren, Tanninen sowie Stoffen zur Klärung und Verdünnung (siehe EU-Richtlinien).

Biodynamische Weine

Biodynamische Weine werden von der deutschen Demeter Organisation zertifiziert. Dessen Prinzipien basieren auf den Schriften von Rudolf Steiner aus dem Jahr 1921. Steiner sah die Probleme der industriellen Landwirtschaft voraus, beginnend mit dem Stickstoff-basierenden Kunstdünger der gerade erfunden worden war. Der Kunstdünger stimuliert das Pflanzenwachstum, verarmt aber den Boden und tötet Mikroorganismen im Boden, die ihn natürlich bereichern. Einfach gesprochen stimulieren biodynamische landwirtschaftliche Methoden die Mikroorganismen und reichern dadurch auf natürliche Art und Weise den Boden an. Aber Steiners Herangehensweise ist viel weiter gefasst. In dem Sinne, dass es eine energetische/spirituelle Komponente existiert, die darauf basiert, dass alles im Kosmos verbunden ist, dass alles EINS ist.

Nach den Demeter-Spezifikationen können einige Stoffe zur Filtrierung (Eiweiß, Bleicherde, Kohlendioxid) genutzt werden, sowie Zucker hinzugegeben werden. In der Praxis sind die meisten biodynamischen Weine auch Naturweine und enthalten demgemäß keine der genannten Stoffe. Die Zertifizierungsstelle für biodynamische Weine in Italien ist Renaissance Italia. (Anm.: Die meisten biodynamischen Winzer in Italien nutzen allerdings die Demeter-Zertifizierung)

Wichtig ist zu betonen, dass diese biodynamischen Prozesse nicht vegetarisch oder vegan sind, da bei einigen tierische Produkte verwendet werden. Ein Beispiel ist das Vergraben eines mit Mist befüllten Kuhhorns im Herbst. Aus dem resultierenden Humus wird im Frühjahr ein Aufguss erstellt, welcher im Weinberg versprüht wird, um das Wachstum der Mikroorganismen im Boden zu fördern.

Naturweine / Naturweine ohne Sulfite

Naturwein ist keine offizielle Zertifizierung, aber die selbstvergebene Klassifizierung meint, dass der Wein NUR aus Trauben besteht, nichts wurde im Weinberg oder im Keller hinzugefügt oder extrahiert (ausgenommen eine minimale Menge an Sulfiten). In Italien lässt der Verband VinNatur, ein Zusammenschluss mehrerer Naturweinproduzenten, seine Weine labortechnisch untersuchen, um sicherzustellen, dass die Weine keine Spuren von Kunstdünger, Pestiziden, Fungiziden, Herbiziden u.ä. aufweisen, sowie keine Vinifizierungs-Additive nachzuweisen sind.

Beachtlich ist der Umstand, dass weniger als 5% der italienischen Weine in eine dieser Klassifizierungen fallen, sei es zertifiziert oder nicht. Aber mehr und mehr tauchen diese Weine im Handel und in der Restauration auf. Die Vorteile liegen auf der Hand:

  • Man führt seinem Körper weniger potentiell giftige Chemikalien zu (in einer aktuellen Studie wurden in 10 von 10 kalifornischen Weinen „Roundup“ von Monsanto nachgewiesen.

  • Man setzt sich weniger Sulfiten aus

  • Weine zeigen häufiger Charakter und spiegeln das Terroir im Gegensatz zu den „Standard-Aromen/Geschmäckern“

  • Das Entdecken neuer Aromen und „echter“ Rebsorten, die nicht im Labor-Keller produziert wurden.

Ich mag nicht notwendigerweise jeden Bio-/Biodynamischen oder Naturwein, den ich probiere, aber die Weine, welche mir am besten gefallen, fallen meist in eine dieser Kategorien. Die interessantesten Weine stammen meist von sehr interessanten Winzern und die interessantesten Winzer sind immer auf der Suche nach neuen Wegen, weniger eingreifen zu müssen und so den Trauben und dem Terroir das letzte Wort zu geben.

 

Originalbeitrag: https://uncorkedinitaly.com/whats-in-a-name-organic-biodynamic-natural-wine/

Im englischen Original von Eleanor Shannon, übersetzt von Michael Sinne

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