Hier gärt der Amarone

Monte dall‘ Ora Amarone della Valpolicella DOCG – Stropa

Photo by Michael Sinne

Ich habe schon eine Menge Wein verkostet und getrunken. Insbesondere den Weinen aus dem Valpolicella galt und gilt mein Hauptaugenmerk und zuvorderst natürlich dem Amarone. Sein Erfolg der letzten Jahre ist Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil eine Menge Amarones auf den Markt kommen, deren Winzer eher die Exportmärkte im Hinterkopf haben. Segen, weil durch die weltweit große Nachfrage und die dadurch akzeptierten hohen Preise auch Winzer und Weine eine Chance bekommen, die bei weitaus geringerer Popularität der Region wohl nicht wirtschaftlich erfolgreich existieren könnten.

Einer dieser Kandidaten ist der Amarone von Monte Dall‘ Ora – der Stropa. Meine Vorliebe für Bio-Winzer und für familiengeführte kleinere Betriebe hatte mich in die Nähe von Castelrotto geführt. Als im Laufe der Besichtigung auch die Preise zur Sprache kamen, habe ich beim Stropa zunächst eine Augenbraue nach oben gezogen. 75,- € für eine Flasche Wein, selbst für einen Amarone, sind selbst heutzutage nicht selbstverständlich.

Monte Dall' Ora StropaNun wage ich den Versuch, nein keiner Rechtfertigung, sondern eher einer entzückten Huldigung, denn dieser Tropfen ist jeden verdammten Euro wert. Sämtliche Phasen der Entstehung, Verarbeitung und Reife stellen fast Alleinstellungsmerkmale dar, sind Ausdruck der Liebe zu Tradition, zur Region und zur Natur.

Angefangen beim biodynamischen Anbau der Reben, der arbeitsintensiv ist und weniger „Output“ bringt als der konventionelle Anbau. Mit größter Sorgfalt werden die Trauben für den Amarone selektiert und von Hand geerntet, damit nur ja keine unreifen oder schadhaften Beeren ihren Weg in den Wein finden. Verwendet werden nur die klassischen Sorten Corvina, Corvinone, Rondinella, Oseleta und Molinara. Die Trauben für den Stropa stammen von 50-70 Jahre alten Reben, die auf 150-200m Höhe wachsen und vom warmen Wind des Gardasees (dem Ora) verwöhnt werden. Nach der Lese im Oktober trocknen die Trauben für 160 (!) Tage in traditionellen Holzkisten. Allesandra Zantedeschi und Carlo Venturini verzichten vollständig auf die sonst üblichen flachen Kunststoffkisten. Es könnte sich ja eine irgendwie geartete Übertragung/Abgabe von unnatürlichen Stoffen oder Aromen ergeben. Auch wird nicht mit klimatisierten Trocknungsräumen gearbeitet, sondern auf dem gut durchlüfteten Dachboden.

Nach der Trocknung kommt Carlos persönliche Traubenpresse zum Einsatz – seine Füße. Nach alter Väter Sitte presst er die Trauben in Holzfässern. Ist der richtige „Mahlgrad“ erreicht, wird die Maische für 14-18 Tage der Spontanfermentierung überlassen. Kein Zusatz von Hefen oder anderen Steuerungsstoffen. An dieser Stelle ist das biodynamische Arbeiten ein Segen. Erst durch den Verzicht auf Pestizide, Fungizide, Herbizide etc. etc. kann sich auf dem Gelände und damit auch im Keller eine Kulturvielfalt erhalten, die es ermöglicht, dass ausreichend natürliche Hefen an den Beeren landen, welche dann die Gärung auslösen können. Hat der vorläufige Wein den nötigen Alkoholgehalt erreicht und stimmen alle Kriterien wird der Wein vorsichtig in große Tonneuau umgepumpt. Hier reift der Amarone für drei Jahre, anschließend wird er in Flaschen abgefüllt und muss nochmals drei Jahre reifen bevor er in den Verkauf gelangt.

Vor Ort und @home habe ich den Jahrgang 2009 verkosten dürfen. Vor Ort nur kurz gelüftet und @home lange dekantiert, duftet der dunkel granatrot im Glas rollende Amarone eher fruchtig. Kirsche, Pflaume, Rosinen und Waldkräuter dominieren in der Nase, begleitet von Nuancen von Pfeffer und dunkler Schokolade. Der Geschmack hält die Versprechungen. Die Fruchtaromen sind weiterhin vorhanden, getragen von feiner Würze und Säure. Dezente Tannine, die ich eher denke als schmecke. Die lange Fasslagerung dominiert nicht die Aromen, lediglich feine Anklänge an Vanille und Pfeifentabak lassen darauf schließen. Keines der Aromen sticht heraus, ein fein komponierter Wohlklang, aber doch alles in allem sehr intensiv. Ein runder, feinwürziger Abgang, der lange nachklingt. Wow! Carlo der Kellermeister pfeift auf Trends und Moden, das ist Valpolicella pur! Ganz rein und ganz klar. Eine sehr klassische Ausrichtung, die man sonst nur noch bei den älteren Spitzenprodukten von Bertani oder Quintarelli findet. Der Stropa muss diesen Vergleich nicht scheuen und in diesem Zusammenhang relativiert sich der Preis von 75,- auch deutlich. Mit dieser Meinung stehe ich nicht allein, der Stropa hat mittlerweile zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Auch die Damen und Herren von Vipino waren begeistert und haben den Stropa nach Deutschland gebracht.

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